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ON PHOTOGRAPHY & ILLUSTRATION
 
Quer ---> Introduction to Reporters Without Borders Annual Photo Book 2006   back to index
Querdenken und Konfrontation, Mut und Ausdauer – das sind Begriffe, die leitmotivisch auf die  Journalistinnen und Journalisten zutreffen, für die sich Reporter ohne Grenzen einsetzt. Sie gelten auch für die Fotografinnen und Fotografen, Künstlerinnen und Künstler, die in diesem Fotoband vorgestellt werden.

Reporter ohne Grenzen hat diese Fotografen und Künstler ausgewählt, um jenen Journalisten Respekt zu zollen, die sich trotz schlimmster Bedrohung und ungerechter Behandlung nicht einschüchtern lassen. Die stets ihre Stimme gegen Unrecht und für die Meinungsfreiheit erheben. Und die dafür schikaniert, verhaftet, gefoltert werden oder sogar ihr Leben verlieren.

Meist weniger gefährlich, aber mit nicht minder hohem Einsatz und Können arbeiten die hier vorgestellten Fotografen und Künstler. Ihre Haltung zu unbequemen Themen wie Todesstrafe, Krankheit, Armut, Krieg und Rassismus bringen sie zum Ausdruck in außergewöhnlichen Bildern. Diese Bilder können dabei Abbild einer vorgefundenen Wirklichkeit sein, aber auch Wirklichkeit konstruieren oder dekonstruieren. Die spezifische Sichtweise der Autoren erzeugen visuelle Statements, die informieren oder kommentieren. Manchmal auch provozieren, wenn sie sich den üblichen Sehgewohnheiten widersetzen.
 
Bilder erfassen wir anders als Texte. Schneller und intuitiver, emotionaler und assoziativer. Sie vermitteln andere Informationen als Geschriebenes und haben deswegen auch eine eigenständige Existenzberechtigung. Bilder ersetzen keine Texte und Texte keine Bilder. Sie ergänzen sich gegenseitig. Um Bilder vollständig zu erfassen, müssen wir uns mit ihren Entstehungszusammenhängen auseinandersetzen.

Die Reportage des Holländers Kadir Van Lohuizen (*1963) führt uns ins Gefängnis von Huntsville in Texas, USA. 13.000 Häftlinge sind dort inhaftiert, 450 warten auf die Vollstreckung der Todesstrafe. 1700 Häftlinge liegen auf dem lokalen Friedhof begraben. Präzise und still beobachtet Van Lohuizen die zum Tode verurteilten Menschen in ihrer letzten Umgebung. Die Schwarzweißfotos sind respektvoll und distanziert aufgenommen und rufen beklemmende Gefühle in uns hervor.

Antonin Kratochvíl (*1947) ist Tscheche. Er verließ 1967 sein Land als Flüchtling und lebt heute in Paris. Kratchovíls Reportage dreht sich um das Ölgeschäft in Nigeria. Trotz der großen Ölreserven lebt ein Großteil der Bevölkerung in Armut. Weltweit operierende Firmen und die chinesische Regierung mischen mit im lukrativen Ölgeschäft. Als Reaktion darauf kidnappen nigerianische Rebellen Mitarbeiter der Ölfirmen und zerstören Produktionsanlagen. Kratochvíl zeigt uns kritische und unverwechselbare Bilder mit schiefen Perspektiven, extremen Farben und gewagten Anschnitten.

Der Amerikaner Alec Soth (*1969) reiste entlang des Mississippi, einer ländlichen und armen Region. Er hat die Menschen dort  fotografiert.  Menschen, die zwar Träume formulieren, aber keine Hoffung mehr auf deren Verwirklichung haben. Soth zeigt uns einen Mix aus malerischen Portraits, Interieurs und Landschaftsaufnahmen in faszinierenden Farbtönen. Damit zeichnet er ein melancholisch-poetisches und traurig-sensibles Bild, das ganz dicht dran ist am Leben derer, auf die er sich bei seiner Reise eingelassen hat.

Die Engländerin Felicia Webb hat über Jahre hinweg eine kleine Gruppe von Essgestörten beobachtet und sie in ihrem Alltag einfühlsam in Portrait- und Reportagebildern  dargestellt. Untrennbar verbunden mit den schwarzweißen Fotografien sind die Statements der Betroffenen. Webb gibt dadurch jenen eine Stimme, die sie sich bis zur Lebensgefährdung zwangskontrollieren: „Es geht mir nicht um die Todessehnsucht, sondern darum, dass ich darüber Kontrolle habe, in einer Welt, in der nichts mehr kontrollierbar ist" sagt beispielsweise die essgestörte Rebecca.

Der in Kapstadt lebende Südafrikaner Zwelethu Mthethwa (* 1960) erzeugt Bilder, die spielerisch die traditionelle Rolle der schwarzen Frauen im häuslichen Bereich attackieren. Dazu läßt er den weißen südafrikanischen Künstler Bizzy Bailey in die Rolle schwarzer Frauen schlüpfen. Mit dunklem Make-up und entsprechenden Requisiten verkörpert dieser theatralisch die Liebhaberin, die Haus- oder Kinderfrau. Raum verwandelt Mthethwa im Bild zur Bühne und verstärkt so noch das Gefühl der Irritation.

Die Australierin Destiny Deacon (*1957) stammt aus dem Volk der Ku-Ku und beschäftigt sich mit Identitätsfragen australischer Ureinwohner. Konstruktion und Dekonstruktion von Rasse und Geschlecht sind zentrale Fragestellungen ihrer Arbeiten. Alltägliche Szenen oder irritierende still lifes arrangiert sie mit dunkelfarbigen Puppen, die die Ureinwohner repräsentieren. Mit kraftvollen Farben und sorgfältig ausbalancierten Kompositionen erzeugt Deacon Motive, die einerseits melancholisch, andererseits humorvoll, ironisch und gewitzt auf den Betrachter wirken.

Die Amerikanerin Martha Rosler (*1943 ) schuf schrill-farbige Fotomontagen, die das Verhältnis der US -Bevölkerung zum Irak-Krieg kritisieren. US-Soldaten, die im Irak stationiert waren, tauchen plötzlich kriegsversehrt, aber völllig unbeachtet im heimischen Luxus-Interieur auf. Eine strahlende Hausfrau – multiples stereotypisches Abbild ihrer selbst – wirbelt putzwützig im zerbombten irakischen Präsidentenpalast umher. Rosler prangert in ihrer Arbeit die Ignoranz vieler US-Bürger an, die die Auswirkungen des Krieges nicht wahrhaben wollen.

Die Arbeit der Deutschen Melanie Wiora (* 1969) untersucht themenunabhängig die subjektiven Bedingungen des Sehens und des Erkennens. Wiora konfrontiert uns universell mit der Möglichkeit des „Neu- oder Anderssehens“. Ihre Bilder zeigen verzerrte Spiegelungen auf der eigenen Netzhaut.

Alle Arbeiten zeigen Bilder, die respektvoll und intelligent Themen aufgreifen und ein durchgängig ästhetisch hohes Niveau einhalten. Melanie Wiora nimmt eine theoretische Positon ein.  Kadir Van Lohuizen, Antonin Kratochvíl, Alec Soth und Felicia Webb halten die von Ihnen wahrgenommene Wirklichkeit dokumentarisch fest und interpretieren sie auf ihre spezifische Weise. Sie fokussieren dabei politische, sozio-kulturelle und sozio-ökonomische Lebensbedingungen. Ihr Ziel ist es, Missstände aufzuzeigen, um Verständnis zu werben und alternative Lebensentwürfe aufzuzeigen.

Mthethwa Zwelethu, Destiny Deacon und Martha Rosler hingegen extrahierten dokumentarische Momente der Lebenswirklichkeit und bearbeiten diese Aspekte fiktional. Ihr künstlerischer Zugang zu altbekannten gesellschaftskritischen Themen überrascht und erzeugt Aufmerksamkeit. Die Künstler wollen den Prozess der Wahrnehmung anstoßen, anregen, neue Perspektiven einzunehmen oder gar sich selbst auszuprobieren.

Alle neun ausgesuchten Fotografen und Künstler fördern das Erkennen und Hinterfragen dessen, was ist. Ermutigen zum „Querdenken". Lokal und global, politisch und privat, innerlich und äußerlich. Ganz dicht am Leben.

Ute Noll

April 2006

Ausstellung: QUER - Fotos für die Pressefreiheit: Zwelethu Mthethwa, Martha Rosler, Felicia Webb, Melanie Wiora, Alec Soth, Destiny Deacon, Antonin Kratochvil, Kadir von Lohuizen. Berlin 2006.
text: introduction by Ute Noll